Reaktive Farbe

Intelligente Farbstoffe für Designer

GRID 2 – Zeitschrift für Gestaltung
Januar 2013


Verlag

Detail (München)

Farben gefallen, wirken beruhigend, ziehen an oder warnen vor Gefahren. In intelligenten Oberflächen können sie sogar mit dem Nutzer kommunizieren. Sie reagieren auf Umgebungseinflüsse, werden transparent oder wechseln den Farbton und können sogar Energie erzeugen. So verändern Tassen mit einem warmen Getränk die Farbe, Regenmäntel werden in feuchter Witterung bunt, Schrift kann unter Einfluss von UV-Strahlung wie von Geisterhand verschwinden, und Abformmasse signalisiert dem Kieferchirurgen, wann sie aus dem Mund entfernt werden sollte. Verantwortlich für die Farbintelligenz sind thermosensitive Pigmente, photochrome Tinten oder Substanzen, die auf den Einfluss von Wasser und den ph-Wert reagieren.

Ein wunderbares Anwendungsbeispiel für Designer ist ein sich farblich verändernder Regenschirm von Squid aus London. Mittlerweile sind thermosensitiver Farben soweit entwickelt, dass sie das Überschreiten einer bestimmten Temperatur exakt anzeigen können und eine sicherheitsrelevante Anzeichenfunktionen übernehmen. Denn unter normalen klimatischen Bedingungen wechselt die Farbigkeit nicht wieder zurück, so dass das Unterbrechen einer Kühlkette mit Thermolock-Farben (Matsui Color) nachgewiesen werden kann.

Auch im Zusammenhang mit der Umorientierung der Energiepolitik auf regenerative Quellen erhalten Farben eine wichtige Funktion. Denn manche Farbstoffe sind geeignet, durch photochemische Reaktionen Licht in Energie umzuwandeln. Dies in Bauwerkstoffen zu nutzen, liegt auf der Hand. Einen Entwicklungsschritt in Richtung Endkonsument gehen Wissenschaftler am TITV Greiz. Hier wird im Projekt TEXSOLAR die Verwendung von Farbstoffsolarzellen in Textilien und Fasern getestet. Kleidung kann so zur Energiequelle werden.

Im Zusammenhang mit Energiegewinnung und Farbigkeit, steht auch die Entwicklung von bioreaktiven Fassadenelementen durch ein Konsortium rund um ARUP für den Bau des BIQ-Hauses (BIQ: Bio-Intelligenzquotient) anlässlich der Internationalen Bauausstellung 2013 in Hamburg. Mit in die Fassade eingelassenen Bioreaktoren werden Mikroalgen gezüchtet, die nicht nur für ein auffälliges Grün sorgen, sondern die Möglichkeiten regenerativer Energiegewinnung erweitern. Durch das Algenwachstum wird Sonnenlicht und Kohlendioxid in Biomasse und Wärme überführt, die sich zur direkten Beheizung nutzen lässt. Von Zeit zu Zeit wird die Biomasse aus der Fassade entfernt und in einer Biogasanlage umgewandelt, so dass sich die farbige Biointelligenz wieder neu aufbauen kann.

www.ctiinks.com
www.3mdeutschland.com
www.squidlondon.com
www.matsui-color.com
www.titv-greiz.de
www.arup.com

Bild: Wassersensitive Regenmantel (Quelle: Squid London)