
Biozirkuläre Produktfelder für Möbel
Interview mit Prof. Dr. Sascha Peters zum Trend Forum Materials & Nature anlässlich der interzum 2025 in Köln
25. Februar 2025
Die Bewältigung der Klimakrise und die Etablierung einer funktionierenden Kreislaufwirtschaft bestimmen aktuell das Innovationsgeschehen der Industrie. Es geht um ein neues Verständnis von Materialität und Verantwortung für die genutzten Ressourcen. Die interzum 2025 präsentiert auf dem Trend Forum Materials & Nature neue Anwendungspotenziale für die Interior- und Möbelindustrie. Wir sprechen mit dem Kurator und Materialexperten Prof. Dr. Sascha Peters über die Inhalte der Sonderfläche und zukunftsweisende Entwicklungen in der Branche.
Prof. Dr. Sascha Peters, mit ihrer Materialagentur Haute Innovation gestalten Sie das Trend Forum Materials & Nature auf der interzum 2025. Was verbirgt sich hinter dem Ausstellungstitel „Biocircular Materials“?
Sascha Peters: Zur Bewältigung der Klimakrise befinden wir uns derzeit in einer großen Transformation hin zu einer funktionierenden Kreislaufwirtschaft. Diese wird gerade in den Interior-Branchen von der Einführung zirkulärer Geschäftsmodelle bestimmt. In der Möbelfertigung sehen wir vor allem Chancen beim Re-Design der Produktgruppen und der gleichzeitigen Etablierung eines neuen Verständnisses für Materialität. Unternehmen müssen die Verantwortung für die eingesetzten Ressourcen übernehmen und eine neue Wirtschaftslogik in Harmonie mit der Natur etablieren.
Was wird hierzu auf der Sonderfläche gezeigt?
Da die Möbelindustrie traditionell einen großen Anteil natürlicher Materialien verwendet, dies jedoch häufig mit synthetischen Werkstoffen kombiniert, zeigen wir auf der Sonderfläche Möglichkeiten zur Nutzung biozirkulärer Materialien auf. Diese bieten nicht nur Optionen zu einer deutlichen Reduzierung der CO2-Emissionen, sie helfen auch beim Schließen von Produktkreisläufen. Außerdem helfen sie der Industrie auf eine äußerst „sympathische“ Art und Weise, neue Produktfelder in der Möbel- und Inneneinrichtungsbranche zu erschließen.
Wo sehen Sie aktuell die spannendsten Entwicklungen im Hinblick auf biozirkuläre Materialien?
Egal ob kunststofffreie Lösungen für Polstermöbel, schnell wachsende Fasermaterialien für Leichtbaulösungen oder bioabbaubare Klebstoffe auf Proteinbasis – die aktuelle Bandbreite der Innovationen in dem Bereich ist enorm. Dabei nutzen die Materialhersteller vor allem Sekundärstoffe aus der Agrarindustrie und Abfallströme der Lebensmittelindustrie für ihre Entwicklungen. Ein Klebstoff auf der Basis von Hühnerfedern, Füllmaterialien aus Fruchtkernen oder 3D-gedruckte Möbel aus Orangenschalen sind einige spannende Exponate, die diesen Trend aufzeigen.


Inwieweit können solche Materialien Innovationstreiber für die Zulieferbranche sein?
Vor allem die Biofabrikation ist derzeit einer der Innovationstreiber für die Zulieferindustrie der Möbelindustrie. Dabei versteht man unter Biofabrikation einen besonders spannenden Bereich, indem natürliche Wachstumsprozesse natürlicher Organismen genutzt werden, um Materialien im Labor erwachsen zu lassen. Nachdem in der letzten Dekade die Grundlagen erarbeitet wurden, kommen gerade die ersten wettbewerbsfähigen Entwicklungen auf den Markt. Wir zeigen auf der Sonderfläche, Tische aus Pilzmyzel mit einer Oberfläche aus Linoleum ebenso wie Lederersatzmaterialien auf der Basis von bakteriell erzeugter Nanozellulose.
Was bedeutet die Verwendung solcher Materialien für das Produktdesign? Erfordert sie ein neues Verständnis von Materialität und Ästhetik?
Biozirkularität setzt voraus, dass die genutzten Materialien in ihrer natürlichen Originalität belassen werden, also nicht mit synthetischen Stoffen beschichtet oder vermischt werden. Neue Bindemittel, Farben und faserbasierte Werkstoffe sind entstanden, die eine Rückführung in den natürlichen Kreislauf ermöglichen und die Nährstoffe für die Natur erhalten. In einer ersten Phase der großen Transformation geht das Re-Design unserer Produktwelt mit einer neuen Ästhetik einher, die zu einer Veränderung unserer Qualitätsattribute führen wird und Veränderungen in Glanz, Farbigkeit und Transparenz über den Produktlebenszyklus als besonders wertig erscheinen lässt.
Wo sehen Sie die größten Herausforderungen bei der weiteren Etablierung zirkulärer Geschäftsmodelle in der Möbelfertigung und dem Innenausbau?
Die größte Herausforderung wird es sein, Produktionsprozesse für eine neue Generation von Biomaterialien zu entwickeln, die mit den über Jahrzehnte etablieren Technologien konkurrieren können. Aber das ist ja bei disruptiven Innovationen eigentlich immer so. Wir werden sehen…
Bild (oben): Als Lederalternative ist das Material MATTR™ auf Algenbasis hergestellt und hat ein Design, das sich natürlich anfühlt. (Foto: Revoltech GmbH/Jan Schölzel)
Bild (Mitte): Prof. Dr. Sascha Peters auf dem Trend Forum Materials & Nature während der interzum 2023. (Foto: Koelnmesse GmbH)
Bild (unten): ABC Tiles sind eine Serie von Akustikfliesen mit einem innovativen Byssus-Kern aus Muschelfasern, der zu 100 % biologisch abbaubar ist. (Foto: Seastex Ltd.)
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