
Wir müssen unter null
Leonie Groneck im Gespräch mit Materialexperte Dr. Sascha Peters über biokreislauffähige Werkstoffe
10. Juli 2025
Materialexperte Dr. Sascha Peters über biokreislauffähige Werkstoffe, mutige Industrieakteure und Europas Rolle im globalen Wandel. Das Interview führte Innenarchitektin Leonie Groneck von aib.
aib: Herr Dr. Peters, Sie arbeiten mit einem breiten Netzwerk aus Forschung, Design und Industrie. Wie sieht diese Zusammenarbeit konkret aus?
Sascha Peters: Wir sind Teil eines sehr großen Netzwerks – das ist ein echter Vorteil. Wir werden regelmäßig eingeladen, in die Institute und Labore zu gehen. Dort bekommen wir direkten Einblick in neue Entwicklungen, und die Forschenden freuen sich, wenn ihre Arbeiten in einem größeren Kontext gezeigt werden – zum Beispiel dort, wo es um Design und Natur geht. Das ist eine tolle Grundlage, um das, was sonst im Verborgenen passiert, sichtbar zu machen.
aib: Das klingt nach klassischer Wissenschaftskommunikation – aber mit Designbrille.
Sascha Peters: Genau. Wir arbeiten beispielsweise mit dem Ausstellungshaus Futurium in Berlin zusammen. Dort ist es ausdrücklich erwünscht, dass wir wissenschaftliche Inhalte durch die Linse des Designs übersetzen. Das bedeutet: Wir bringen Technologie, die oft als schwer verständlich gilt, so an die Oberfläche, dass selbst Kinder Freude daran haben, sie zu entdecken. Die Leichtigkeit des Designs hilft dabei, komplexe technische Inhalte einfach erfassbar zu machen.
Sie beschäftigen sich auch mit nachhaltigem Bauen. Was erleben Sie dort in der Praxis?
In der Bauindustrie merken wir sehr deutlich, wie träge eine Branche sein kann. Das ist die am wenigsten innovative Industrie überhaupt. Warum? Weil Gebäude über Jahrzehnte stehen – und mit enormen Investitionen verbunden sind. Wenn ich als Privatperson ein Haus bauen möchte, muss ich in der Regel einen Kredit aufnehmen. Wenn mir dann jemand sagt: „Du musst mehr investieren, wenn du innovative und nachhaltige Materialien nutzen willst“, dann zögere ich. Denn diese Innovationen müssen sich erst mal refinanzieren. Das führt dazu, dass viele lieber beim Bekannten bleiben.
Was müsste sich ändern, damit es schneller geht?
Der Druck muss von außen kommen. Über gesetzliche Vorgaben, CO2-Grenzen, vielleicht auch steuerliche Anreize. Erst wenn Unternehmen gezwungen werden, sich zu bewegen, passiert etwas. Und tatsächlich sehen wir aktuell Bewegung – interessanterweise nicht bei den kleinen, sondern bei großen Möbelherstellern.
Inwiefern?
Diese Unternehmen entwickeln inzwischen ihre eigenen Materialien – zusammen mit Dienstleistern – und bringen Lösungen auf den Markt, die entweder recycelbar oder sogar kompostierbar sind. Das Entscheidende ist: Wenn sie in der Natur landen, richten sie keinen Schaden an. Wir zeigen hier auf der Interzum eine Ausstellung, in der wir bewusst nur kunststofffreie Exponate akzeptieren.
Welche Kriterien gelten für Materialien, die in Ihre Ausstellungen dürfen?
Zentral ist der Begriff biokreislauffähig – oder heimkompostierbar. Das sind für uns die entscheidenden Begriffe. Alles, was nicht in einen natürlichen oder technischen Kreislauf zurückgeführt werden kann, ist für uns uninteressant. Ein gutes Beispiel ist PLA – ein beliebtes Druckfilament für 3D-Druck. Auch wenn das manchmal als „kompostierbar“ gelabelt wird, bleibt es am Ende ein Kunststoff, wenn es in der Natur landet. Denn hohe Luftfeuchtigkeit und Temperatur sind notwendig, um PLA in industriellen Anlagen zu kompostieren. Wir achten darauf, dass die Materialien entweder in der Natur abbaubar oder technisch zirkulierbar sind – ohne Schäden zu hinterlassen.
„Biokreislauffähig“ ist in Deutschland noch ein relativ unbekannter Begriff. Warum verwenden Sie ihn trotzdem?
Weil er alles mitdenkt, was wir brauchen: Rückführbarkeit, Schadstofffreiheit, Zirkularität. Wenn ein Produkt am Ende doch in der Natur landet – was ja passieren kann –, darf es kein Problem darstellen. Die letzten zehn Jahre waren geprägt von Greenwashing und Kompromissen. Das wollen wir nicht mehr. Wir gehen konsequent in Richtung 100 % zirkulär, biobasiert und schadstofffrei.
(…)
Das vollständige Interview ist erschienen in der Printversion des aib Magazins und online unter: www.aibonline.de
Foto: Markus Heinbach
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