Das Geheimnis des Betons

Funktionsmaterialien und Nanowerkstoffe für Interieur- und Möbeldesign

dds – Das Magazin für Möbel und Ausbau
November 2011


Verlag

Konradin Medien (Stuttgart)

Schmutzabweisende und Bakterien abtötende Oberflächen für Bad & WC, reflektierende Gesteinswerkstoffe, Klima beeinflussende Phasenwechselmaterialien oder beheizbare Beschichtungssysteme für Fußboden und Tapete: Die Komplexität der Anforderungen, die heute an Werkstoffe und Produkte für den Innenausbau gestellt werden, machen immer häufiger Materiallösungen notwendig, die neben den Qualitäten nach dem traditionellen mechanischen Verständnis, auch immer eine Zusatzfunktion, einen funktionalen Mehrwert, eine reaktive Qualität aufweisen. Diese Gruppe von Materialien versteht man heute als “Smart Materials” bzw. “Mehrfunktionenwerkstoffe”. Ihre Entwicklung wurde insbesondere durch Fortschritte der Nanotechnologie bzw. Bionikforschung möglich. Heute ersetzen die neuen Funktionsmaterialien altbewährte Lösungen in einer Vielzahl von Anwendungen und bieten insbesondere für den Innenausbau eine ganze Reihe Potenziale, die vor allem eines mit sich bringen: Sie erschließen sich dem Menschen erst bei der Produktnutzung.

BlingCrete
Retroreflektierender Beton: www.blingcrete.com

Unter Retroreflektion versteht man ein optisches Phänomen, in dem Lichtstrahlen immer genau in die Richtung, aus der sie kommen, reflektiert werden. Durch Einbetten von Mikroglaskugeln in die Betonoberfläche ist die Übertragung der optischen Qualität auf einen Bauwerkstoff geglückt. Raumkanten, Treppenstufen oder Bahnsteige könnten mit „BlingCrete“ besonders hervorgehoben oder in baulich integrierte Leitsysteme integriert werden.

Solid Poetry
Wassersensitiver Beton

Erst bei Regen verrät der Gesteinswerkstoff “Solid Poetry” sein Geheimnis. Mit einer besonderen Oberfläche versehen, reagiert das Material auf das natürliche Nass. Verborgende Botschaften und Dekorationen werden erkennbar. Auf öffentlichen Plätzen und Fußwegen sorgt Solid Poetry für eine neue Zeichensprache urbaner Qualität. Vor allem zur Kommunikation und für Marketingaktivitäten bieten sich bislang ungeahnte Möglichkeiten.

ccflex
Keramiktapete als Fliesenersatz: www.marburg.com

Die Idee zu einer keramischen Tapete mit wasserabweisenden Eigenschaften zur Verwendung im Badbereich kam den Entwicklern bei Evonik. Heute wird das Material auf der Rolle von der Marbuger Tapetenfabrik für hochwertige Badausstattungen vertrieben und hat sich als Fliesenersatz bewährt. Es wird genauso verarbeitet wie normale Tapete, hat aber eine steinartige, chemikalienbeständige und feuerfeste Oberfläche. Es können auch „easy-to-clean“ Qualitäten eingestellt werden.

carbo e-therm
Beheizbares Beschichtungssysteme mit Karbonnanotubes: www.future-carbon.com

Eingebunden in Oberflächenbeschichtungen haben Karbonnanotubes die Eigenschaft, Wärme zu leiten. Dies machen sich die Entwickler bei der Future Carbon GmbH zunutze und bieten das Heizsystem “Carbo e-therm” an, das betrieben mit einer Niedervoltspannungsquelle, die gleichmäßige Erwärmung von Flächen bietet. Die hohe Widerstandsfähigkeit macht die Beschichtung als Fußbodenheizung und für den Badbereich geeignet.

Belland
Laugenlöslicher Kunststoff: www.bellandtechnology.de

Der laugenlösliche Kunststoff “Belland” bildet eine Besonderheit unter den reaktiver Materialien. Denn mit ihm wird das Denken in ganzheitlichen Materialkreisläufen möglich, da sich der Werkstoff ohne Qualitätsverlust auch aus Abfallgemischen wiedergewinnen lässt. Im Formenbau und Bauwesen werden weitere Anwendungen erwartet. Durch die basische Wirkung von feuchtem Beton ließe sich das Material beispielsweise gezielt lösen.

Micronal PCM
Latentwärmespeicher für Wohlfühlklima: www.micronal.de

Man kennt sie von Taschenwärmern: Phasenwechselmaterialien (PCM). Dies sind Materialien, die beim Übergang vom flüssigen in den festen zustand Wärme an die Umgebung abgeben können. Den umgekehrten Effekt nutzen die Entwickler bei BASF zur Klimatisierung von Innenräumen. Micronal sind mikroskopisch kleine Kugeln, die im Innern Paraffinwachs enthalten. Sie lassen sich in die unterschiedlichsten Baumaterialien integrieren, dienen als Wärmepuffer und gleichen Temperaturunterschiede aus.

Milchproteinfasern
Biofasern mit antibakteriellen Eigenschaften: www.qmilk.eu

Für Allergiker ist eine neue Faser am Markt erschienen, die keinen negativen Effekt mehr auf die Haut hat. Denn im Vergleich zu konventionellen Garnen, wird bei der Herstellung von Milchproteinfasern auf chemische Zusätze verzichtet. Das Feuchtigkeitsmanagement der Funktionsfasern verhindert das Wachstum von Bakterien um 99 % und fördert die für Allergiker wichtige Temperaturregulierung. Beispielanwendungen für Milchproteinfasern sind antibakterielle Heimtextilien, Bettwäsche mit Kühleffekt, wärmeisolierende Autositzbezüge oder hygienische Membrane für medizintechnische Anwendungen.

Bild: Solid Poetry – Wasser empfindlicher Beton (Quelle: Susanne Happle)