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Vorträge & Diskussionen

Die Bedeutung von Designern für technische Innovationsprozesse

Die Bedeutung von Designern für technische Innovationsprozesse

17. April 2009

3. Symposium Technisches Design, Dresden

Die Frage nach der Bedeutung von Design und den Einflüssen kreativer Dienstleistungen auf Wirtschafts- und Innovationsprozesse ist so alt wie die Professionen selber. Daran hat sich auch in den letzten Jahren wenig geändert, obwohl in Publikationen und auf Konferenzen die typischen Fragestellungen immer wieder diskutieren werden. "Welchen Anteil hat Design am Erfolg von Innovationen?", "Wie lässt sich die Qualität von Kreativleistungen messen?", "Was dürfen diese kosten und wie kann man sie steuern?". Das Unbehagen gegenüber Vertretern der sogenannten kreativen Industrien, gegenüber Designern, Werbern und Architekten, ist tief verwurzelt in einer Gesellschaft, deren wirtschaftlicher Erfolg seit jeher auf den Fundamenten technologischer Exzellenzen basiert.

 

Jüngster Beleg für die Situation ist die Berichterstattung zur jährlich stattfindenden Los Angeles Design Challenge, zu deren Anlass die in Kalifornien ansässigen Designstudios der Automobilkonzerne mit großem Aufwand zukunftsweisende Mobilitätskonzepte entwickeln. Wurde in 2006 der Artikel über die Beiträge zu natürlich abbaubaren Fahrzeugkarosserien und ressourcenschonenden Antrieben von einem der hiesigen Blätter mit dem Titel "Ideen für den Komposthaufen" versehen, so sprach man im Vorjahr gar vom "Amoklauf der Designer". Also alles beim Alten? Die Kreativen, die Spinner, die Gestörten... Sie haben anscheinend keinen Platz in unseren Strukturen, die auf sicheres Wachstum und die Wahrung von Statussymbolen ausgelegt sind.

 

Doch seit etwa 2 Jahren ist das Gefüge in Bewegung. Aufgeschreckt durch eine Reihe von Innovationsstudien, in denen den deutschen Unternehmen, die Fähigkeit abgesprochen wird, technologische Neuerungen in marktfähige und gewinnbringende Produkte zu überführen, erhält die Diskussion um die Bedeutung professioneller Kreativer für Innovationsprozesse neues Futter. Hybrid-Motor, MP3-Format, Computer: Die Liste revolutionärer deutscher Erfindungen ist lang; doch die wirtschaftlicher Misserfolge ist es ebenso. Deutschland ist zwar das "Land der Erfinder" und nimmt bei den Patentanmeldungen im internationalen Vergleich einen Spitzenplatz ein. Doch seitdem belegt ist, dass die Anzahl von Patenten nicht mehr gleichzeitig mit wirtschaftlichem Erfolg einhergeht, suchen Unternehmer und Politiker nach neuen Indikatoren. Denn auch die deutsche Wirtschaft kann es sich nicht länger erlauben, zwar revolutionäre Technologien wie das MP3-Format oder den GRM-Effekt, die Grundlage zur Speicherung großer Datenmengen auf Festplatten, hervorzubringen, die Vermarktung aber anderen Volkswirtschaften zu überlassen.

 

Es reift die Erkenntnis, dass es nicht mehr ausreicht, Technologien und Werkstoffe mit Funktionalitäten im Promillebereich hinter dem Komma hervorzubringen. Die Menschen in den westlichen Nationen haben alles, was sie zum Leben brauchen und sehnen sich nach Produkten, die ihre Bedürfnisse befriedigen, noch bevor sie in der Lage sind, diese in Worte zu kleiden. Personen zur Frühindikation von gesellschaftlichen Entwicklungen sind demnach gefragt, die ob ihrer Ausbildung und Denkweise eine Fähigkeit mitbringen, die Vertretern technologischer Disziplinen in der Regel verborgen bleibt. Technik- und Detailverliebtheit sind gar Hemmschuhe für den Produkterfolg. Das Verständnis für die Wünsche des Kunden und die frühzeitige Ausrichtung von Produktentwicklungen auf die Bedürfnisse des Marktes sind vielmehr die heutigen Indikatoren für den Erfolg. Den Moment zu befördern, in denen sich der Kunde für ein Produkt entscheidet, das ist der entscheidende Erfolgsfaktor in Zeiten des Überflusses. Und eben diese Fähigkeit wird Vertretern kreativer Industrien im Besonderen den Designern zugewiesen, was den marktzugewandten Disziplinen wie Design, Marketing und Architektur eine größere Bedeutung im Innovationsprozess beräumt.

 

Die Reaktionen auf diesen Sachverhalt sind bemerkenswert: So erkennt die Wirtschaftsförderung professionelle Kreative mittlerweile nicht mehr nur als Standortfaktor sondern auch als wichtige Komponente und Impulsgeber im Innovationsprozess. Nicht ohne Grund fragte auch die Konferenz "creative industries – made by design" im Oktober 2008, ob nach dem "Technology-Push" jetzt der "Kreativ Pull" kommt und sich somit der traditionelle Innovationsprozess umkehrt. Denn sind die kreativen Disziplinen meist erst am Ende einer Produktentwicklung gefragt, um einem technischen Produkt eine oberflächliche "Aufhübschung" zu geben und für den Markt vorzubereiten, wird von den Innovationsanalysten eine zentralere Bedeutung kreativer Disziplinen gefordert. Frühzeitig in Innovationsprozesse integriert, können insbesondere Designer bei der Entwicklung des Anwendungszusammenhangs für neue Produkte ein Wörtchen mitsprechen, so die Theorie. Sie sind es, die schlummernde Bedürfnisse beim Kunden wecken und den technologischen in einen emotionalen Mehrwert überführen.

 

In der Praxis machen einige aktuelle Entwicklungen Mut, dass sich tatsächlich nachhaltig etwas an der Wertstellung gegenüber den kreativen Industrien ändert. Das traditionelle Innovationsverständnis bricht auf! So bedienen sich Forscher den Fähigkeiten von Designern, um Anwendungsszenarien für neue Technologien zu konzipieren. Ein Beispiel ist der Löschroboter OLE, der von Designern aus Magdeburg als Einsatzgebiet für eine Laufmaschine des Fraunhofer IFF entwickelt wurde. Autonome Roboter sollen zur Überwachung von Waldflächen eingesetzt werden, um Brände zu verhindern und gefährliche Situationen für den Menschen auszuschließen. Die Wissenschaftler waren begeistert, denn ihre Entwicklung wurde mit diesem klaren Bild in der ganzen Welt diskutiert. Ein anderes Projekt setzte gar die Robotertechnologie zum Rückbau von Plattenbauten in den ostdeutschen Gebieten ein. Damit reagieren die Kreativen auf die Tendenz sinkender Bevölkerung und auf eine Entwicklung, die weder von Bauwirtschaft noch von der Industrie bislang in größerem Umfang Berücksichtigung findet.

 

Eine weitere Tendenz wird bei den Produzenten deutlich. Unternehmen wie Bayer, BASF oder Degussa richten ihre Kommunikation gezielt auf die "Kreativen Industrien" aus und werben um die Aufmerksamkeit für Ihre Materialien. Offensichtlich ist die Erkenntnis gereift, dass es Designer und Architekten sind, die in den Entwicklungsprozessen meist die Entscheidung über die Auswahl von Werkstoffen treffen und nicht mehr nur Konstrukteure und Techniker. Dies hängt zum einen mit dem Arbeitskräftemangel in den technischen Disziplinen zusammen, durch den Unternehmen gezwungen sind, auch Engineeringleistungen von Designern abzurufen. Zum anderen sehen Produzenten professionelle Kreative zunehmend als Ihre Ansprechpartner an, wenn es darum geht, den Markt für technische Innovationen zu entwickeln und aus einer Erfindung ein marktfähiges Produkt zu machen.

 

So ist Bayer MaterialScience seit 2004 mit einem Creative Center den zukünftigen Kunden von Kunststoffen auf der Spur, und das fächerübergreifend. Die Zukunftsanwendungen in der Bauindustrie, Robotik, Logistik und die Bereiche Optik und Licht sind dabei Scoutingfelder, in denen deutliche Entwicklungssprünge erwartet werden. "Die Technologiefelder Nanomaterialien, Polymerelektronik und nachwachsende Rohstoffe eröffnen neue Lösungswege“, sagt Eckard Foltin, der Leiter des Creative Center. Durch Vernetzung von Designern, Architekten, Trendforschern und Technologen werden hier Zukunftsszenarien entwickelt. Der Chemieriese erforscht, in welche Entwicklungen heute investiert werden müsse, um auch in der nächsten Dekade noch erfolgreich am Markt bestehen zu können.


Doch wo genau liegen die Unterschiede in den Arbeits- und Denkprozessen von Designern und Ingenieuren und wie lassen sich die besonderen Eigenheiten für einen effizienten Innovationsprozess nutzen?


These 1

"Der Designprozess ist auf die Auswahl des Besonderen aus der Vielfalt der Möglichkeiten ausgerichtet und deduktiv geprägt."

 

Einen Ansatz zur Beantwortung dieser Frage bietet die Entwicklungsgeschichte des Stuhls "Myto", den Konstantin Grcic für die BASF AG entworfen hat. Ziel war es, die Funktionsweise eines Nanopartikel-Zusatzes für PBT zur Verbesserung der Fließfähigkeit bei der Verarbeitung zu visualisieren und für den Kunden deutlich werden zu lassen. Zunächst ging der Designer von der Fehleinschätzung aus, das Material könne zugleich weich und hart sein. Der Irrtum wurde zwar von den BASF-Technologen aufgeklärt, doch nutzte Grcic die Spannung in diesem Gegensatz als Ansatz für die Produktentwicklung. Es sollte ein Freischwinger entstehen, dessen Rückenlehne sich, "aufgespannt wie ein Kissen", dem Körper entgegenwölbt (Herwig 2008). Ein solcher Ansatz hat als Grundlage weniger die technische Funktion und »physikalische Effizienz«, wie das im ingenieurtechnischen Prozess der Fall wäre. Vielmehr wird das Ziel verfolgt, einem Produkt einen besonderen Charakter, einen Sinn und eine besondere symbolisch-kommunikative Wirkung zu geben. Der Designprozess ist also auf das einmalige Ereignis ausgerichtet, das Besondere, die Einzigartigkeit in der Vielfalt der Möglichkeiten. Der Designer geht deduktiv vor, fokussiert auf die »soziokulturelle Effizienz« und erzeugt eine Beziehung zwischen dem »Artefakt« und seinem Benutzer.

 

Damit verläuft die gedankliche Ausrichtung im Designprozess dem ingenieurtechnischen Ansatz nahezu entgegen, was für das Verstehen der vielen Konfliktsituationen zwischen Designern und Ingenieuren und das Erzeugen eines produktiven Innovationsprozesses von essenzieller Bedeutung ist. Ingenieure kommen auf induktive Weise zu neuen Lösungen. Der technische Innovationsprozess ist folglich, ausgehend von allgemeingültigen Erklärungsversuchen und Gesetzmäßigkeiten, auf das Finden von Problemlösungen und deren Verhalten nach ihrer Realisierung ausgerichtet. Der Ingenieur orientiert sich an Fakten und weniger an Meinungen und ist auf die Sicherung physikalischer Funktionen bedacht. »Die normierte Objektivität seiner Sprache [...] verleitet ihn zu einer Ideologie der Sachlichkeit, die jede subjektive oder soziokulturelle Sinnfärbung verdrängt und den sachtechnischen Lösungen [...] die Aura einer gesetzmäßigen Notwendigkeit verleiht«. Dass diese unterschiedlichen Ansätze in der gedanklichen Arbeit auf den ersten Blick unvereinbar scheinen, darüber ist in der Vergangenheit viel diskutiert worden. Doch aus den aktuellen Innovationserfolgen von Designern und Architekten im Materialbereich werden vor allem auch die Potenziale deutlich, die durch Integration der deduktiven Herangehensweise von professionellen Kreativen in einen technischen Zusammenhang erzeugt werden. So wurde beispielsweise der Widerspruch zwischen Beton und Lichtdurchgang vom ungarischen Architekten Áron Losonczi in Kooperation mit dem Unternehmen Schott gelöst. Er experimentierte 2001 mit Glasfasern und Beton und machte den Werkstoff LiTraCon (Light-Transmitting Concrete) durchlässig für Licht und Schatten. Damit löste er einen Trend in der Zementindustrie aus, der eine Vielzahl von Nachahmerprodukten zur Folge hatte.


These 2

"Das Zulassen von Unschärfen fördert die Qualität eines Entwicklungsprozesses und optimiert das Innovationsergebnis."

 

Dass auch zahlreiche noch ungenutzte Potenziale im Bereich der Produktionstechnologien auf eine erfolgreiche Erschließung durch Integration der deduktiven Vorgehensweise von professionellen Kreativen in den Innovationsprozess warten, zeigt nicht zuletzt die Entwicklung des freien Aufblasverfahrens für metallische Bleche zur Erzeugung dreidimensionaler Geometrien. Nach dreijähriger Entwicklungstätigkeit fand der polnische Architekt Oskar Zieta am CAAD-Lehrstuhl (Computer Aided Architectural Design) der ETH Zürich eine Lösung zur Stabilisierung frei verformten Weißblechs. Das Verfahren taufte er „Freie-Innendruck-Umformung“ (kurz FIDU) und entwickelte damit eine Kollektion von Möbelstücken mit einer "fast skulpturalen Anmutung".

 

Das Beispiel zeigt aber nicht nur die Möglichkeiten deduktiven Vorgehens sondern deutet auch noch auf einen weiteren wichtigen Aspekt für erfolgreiche Innovationsprozesse: dem Zulassen von Unschärfen. Dabei ist die Unschärfe in den durch FIDU erzeugten Geometrien produktimmanent. Die Bleche werden präzise in der zweidimensionalen Fläche zugeschnitten und an den Rändern verschweißt. Anschließend wird in das Innere ein Überdruck von 0,1 bis 7,0 bar eingebracht, der die beiden Elemente aufbläht. Je nach Geometrie, Dauer und Druck fällt die Deformation unterschiedlich aus. Die Endform ist nicht präzise vorherzusehen, eine gezielte Unschärfe in den Prozess integriert.

 

Die Fähigkeit zum Arbeiten mit unpräzisen Vorgängen und das Nutzen der sich durch Unschärfe ergebenden Möglichkeiten scheint bei Designern deutlich stärker ausgebildet zu sein, als bei anderen Berufsgruppen. Die Kognitivforschung geht sogar noch weiter. Psychologen gehen davon aus, dass der Mensch grundsätzlich danach strebt, Unschärfen aus seinen Handlungsabläufen zu entfernen. Denn Unschärfen bedeuten Unsicherheiten in der Planbarkeit von Ergebnissen. Das menschliche Gehirn weicht daher komplexen Abläufen aus. Übrig bleibt nur ein Ausschnitt des Ganzen, der Potenziale, der Möglichkeiten. Da aber dieser Ausschnitt mit dem Ganzen verknüpft ist, würden durch das Einschränken des Blickwinkels Fehler provoziert, "der Misserfolg (sozusagen) logisch programmiert" (Dörner 1992). Der Umkehrschluss ist folglich zulässig, dass das gezielte Zulassen von Unschärfen den Kreativprozess befördert.


These 3

"Vernetztes Denken in Wechselbeziehungen zwischen visionären und reflektiven Wissensbausteinen unterstützt den Kreativprozess."

 

Konstantin Grcic schwärmt von einem "befruchtenden Fluss von Information und Erfahrung" zwischen Herstellern, Designer und Materialproduzent und der Schnelligkeit sowie dem Teamgeist bei der Entwicklung seines Stuhls "Myto". Was ihm positiv auffällt, beinhaltet gleich zwei Hauptvoraussetzungen für einen erfolgreichen Innovationsprozess. Zum einen fördert eine vielfältige Interdisziplinarität im Entwicklungsteam, also eine ausgeprägte Vielfalt in den Sichtweisen auf das Produkt die Aussicht auf den Erfolg. Zum anderen ist die Qualität des gedanklichen Austauschs und die Intensität der Vernetzung zwischen den beteiligten Personen während der Entwicklung entscheidend für die Effizienz des Prozesses. Schon Dietrich Dörner geht in seinem Buch "Die Logik des Misslingens" davon aus, dass einer alleine gar nicht mehr in der Lage ist, die komplexen Systeme unserer Gesellschaft zu erfassen und neue Lösungen zu entwickeln. So ist bei der Zusammensetzung eines Produktentwicklungsteams vor allem auf eine Mischung zwischen visionären, in die Zukunft blickenden Personen und umsetzenden, reflektierenden Disziplinen zu achten.

 

In der Regel sind viele Kommunikationsprobleme an der Schnittstelle Design - Engineering auf den fehlenden und vor allem frühzeitigen Austausch zwischen den Disziplinen und eine sehr einseitige Zusammensetzung des Entwicklungsteams zurückzuführen, die entweder die visionäre oder die umsetzende Komponente zu stark betont. Das Beispiel "Myto" ist daher als ein Paradebeispiel für einen optimalen Innovationsprozess zu bewerten, in dem der Informationsfluss offenbar ideal stattgefunden hat. Dass dies in der Vielzahl der Fälle nicht so ist, zeigt eine Umfrage zu Konfliktsituationen an der Schnittstelle Design/Engineering aus dem Jahr 2002. Auffällig dabei: Den Kreativdienstleistern war das existierende Konfliktpotenzial bewusster als den technischen Vertretern.

 

In den letzten Jahren haben daher viele Kreativagenturen mit dem Aufbau von Materialarchiven und einer Technologiekompetenz auf die häufig auftretenden Konfliktsituationen reagiert. Allerdings wurde nur sehr selten auch Personal mit einer technischen Ausbildung eingestellt, was dem Ideal von interdisziplinären Entwicklungsteams entgegenwirkt. Meist wird die Aufgabe heute von Designern oder Architekten übernommen, was auch durch den Erfolg der ständig wachsenden Zahl von Materialdatenbanken im Internet, Materialmessen für Kreative und publizierten Büchern zu diesem Thema dokumentiert wird. Immer stärker erkennen aber auch die etablierten technischen Messen (z.B. Materialica, Euromold) Designer und Architekten als ihre Kunden und bieten eigene Programme für diese Zielgruppen an. Alle Aktivitäten sind dabei auf eine stärkere Vernetzung und Wechselwirkungen zwischen den unterschiedlichen Bereichen fokussiert. Offensichtlich sind also die Positiveffekte, die auf die Kombination unterschiedlicher Denkprozesse zurückzuführen sind.

 

Der Unterschied in den Denkprozessen zwischen Vertretern technischer und kreativer Disziplinen geht neben der differierenden Fokussierung auf die physikalische bzw. soziokulturelle Effizienz, der induktiven bzw. divergenten Vorgehensweisen vor allem auf die für die gedankliche Entwicklung benötigte Komplexität der Wissensbasis zurück. Technischer Fortschritt benötigt meist eine viel tiefere und komplexere Vernetzung von Wissensbausteinen als dies bei den Produkten der kreativen Industrien der Fall ist. Die gedankliche Arbeit geht hier in die Breite, um aus der Vielzahl der Möglichkeiten das Besondere auszuwählen. Somit tun sich professionelle Kreative sehr viel leichter, neue Wege zu begehen, als dies bei Vertretern technischer Disziplinen der Fall ist. Denn die Kreation von Ideen ist kein zufälliger, aber ein sehr unvorhersehbarer Prozess. Er kommt per se nicht ohne Unschärfen und Unsicherheiten aus, mit denen sich Kreative anscheinend besser arrangieren können.

 

These 4

"Die ständige Anpassung des Prozessablaufs an den Entwicklungsstand und die Förderung des selbstorganisierten interdisziplinären Dialogs unterstützt erfolgreiche Innovationsprozesse." 

 

Starre Prozesse und zu exakte Vorgaben behindern in den frühen Entwicklungsphasen meist den späteren Produkterfolg und die rechtzeitige Ausrichtung eines Innovationsvorhabens auf den Markt. Außerdem wirkt vor allem die "allen sozialen Systemen inhärente Tendenz zur Erstarrung und Oligarchisierung" interdisziplinären Entwicklungsvorhaben entgegen. Voraussetzungen für das Nutzen der charakteristischen Merkmale in den Denkprozessen kreativer und technischer Disziplinen ist folglich eine Organisation in einem freien Umfeld losgelöst von starren Schemata. Die aktuelle Innovationsforschung spricht in diesem Zusammenhang gerne von Innovationsinseln oder -einheiten, deren Funktionsweise insbesondere in kleinen Unternehmen durch Zulassen einer organischen Selbstorganisation befördert wird. Das Management hat lediglich die Funktion der Metasteuerung, gibt den Rahmen vor und akzeptiert die permanente Anpassung des Prozessablaufs sowie der Zielvorgaben an den Entwicklungsstand. Vor allem Teams, die zusammengesetzt sind aus Vertretern unterschiedlicher Disziplinen finden sich in einem solchen Umfeld schneller zusammen und entwickeln ein Verständnis für die Aufgabenverteilung. Ein produktives Miteinander divergenter und induktiver Vorgehensweisen wird auf diese Weise befördert. Der Prozessablauf sollte dabei weniger auf das Produkt und die Zeitplanung fokussiert sein, sondern das Bewusstsein für den Fortschritt im Innovationsprozess aufzeigen. Für diese Aufgabe hat sich ein Modell durchgesetzt, das den Kreativvorgang als Zyklus beschreibt und ihn in die 3 Phasen "Perzeption und Präparation", "Kreation und Illumination" sowie "Reflexion und Verifikation" aufteilt. Um vor allem die Kommunikation zwischen Designern und Ingenieuren zu fördern, ist der Zyklus auf die Unterstützung eines bereichsübergreifenden Dialogs ausgerichtet.

 

In der Phase "Perzeption und Präparation" wird der Innovationsprozess losgetreten und vorbereitet. Das thematische Umfeld einer Problemstellung wird analysiert und die bedeutenden Themen festgehalten. Nach Einschätzung der Situation endet diese erste Phase des Innovationszyklus in der Formulierung einer erreichbaren Vision. Mit der Zusammensetzung des Entwicklungsteams startet dann der Abschnitt "Kreation und Illumination". Um den marktzugewandten Disziplinen wie Design, Marketing und Architektur eine größere Bedeutung im Innovationsprozess beizuräumen, ist vor allem auf eine ausgewogene Mischung aus  visionären und reflektierenden Charakteren sowie deduktiven und induktiven Denkprozessen zu achten. Vor allem in den frühen Phasen der Ideenfindung sollte auf einen ausgeprägten interdisziplinären Dialog geachtet werden. Die Denkansätze und -strukturen sollten vernetzt und die Erwartungen permanent an das entwickelte Ergebnis angepasst werden. Ein Abschnitt der Konkretisierung von Ideen leitet die modellhafte Umsetzung von Konzepten ein. Am Ende der Phase "Kreation und Illumination" ist es Ziel, die Reaktionen auf die Neuerung einzuholen, das Ergebnis zu erleben und eine Akzeptanzmessung vorzunehmen. Die sich anschließende Phase der "Reflexion und Verifikation" hat vor allem zum Gegenstand, den Innovationsprozess und vor allem den interdisziplinären Dialog zu reflektieren und durch Loslösen des Ergebnisses Rückschlüsse auf zukünftige Innovationsvorhaben zu ziehen. Zur Förderung des interdisziplinären Arbeitens zwischen Designern und Ingenieuren sollten immer alle 8 Phasen durchlaufen und in jedem Fall gegen Ende Optimierungspotenziale für den Dialog abgeleitet werden. Der Zyklus endet stets mit einem Zugewinn an Erkenntnisses vor allem zur Verbesserung des interdisziplinären Dialogs. Der Endpunkt des Prozesses ist also nie identisch mit dem Startpunkt.

 

Fazit

Nach wie vor behindern erhebliche Kommunikationsprobleme die interdisziplinäre Kooperation an der Schnittstelle Design/Engineering und ein produktives Miteinander im Innovationsprozess. Dabei würde gerade die Zusammenführung deduktiver Vorgehensweisen und induktiver Denkprozesse die Erfolgswahrscheinlichkeit von Entwicklungsprozessen erheblich befördern. Die Bedeutung von Vertretern marktzugewandter Disziplinen wie Design oder Architektur insbesondere für materialbasierte Innovationsprozesse ist in den letzten Jahren deutlich gestiegen. Um diese erfolgreich in Entwicklungsvorhaben zu integrieren, sollten Unschärfen im Prozessablauf gezielt zugelassen und die Vorgaben einer Entwicklung ständig an den Stand des Ergebnisses angepasst werden. Den Innovationsprozess sollte man dabei nicht konventionell auf Produkt und Zeitplanung fokussieren, sondern vielmehr als bewussten Lernprozess und interdisziplinären Dialog verstehen. Vor allem die Installation reflektierender Tätigkeiten hat Positiveffekte auf die bereichsübergreifende Zusammenarbeit und das Produkt von Innovationsprozessen.

 

 

Bild: "Myto" (Design: Konstantin Grcic, Entwicklung in Kooperation mit BASF)

 

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