haute innovation

Publikationen & Interviews

Es gibt keine nachhaltigen Materialien

Pascal Johanssen im Gespräch mit Dr. Sascha Peters

Januar 2020

HANDMADE IN GERMANY – Manufaktur 4.0

Pascal Johanssen (Hg.)

Verlag: arnoldsche Art Publishers

 

Bestellung unter: www.arnoldsche.com/produkt/handmade-in-germany

 

 

Auszug aus dem Gespräch

 

(...)

 

Pascal Johanssen: Macht es denn wirtschaftlich Sinn, mit nachhaltigen Materialien zu produzieren?

 

Sascha Peters: Wenn man alle Prozesse aufeinander abstimmt, dann kann es so sein, dass gut gestaltete Produkte mit nachhaltigem Material günstiger sind. Aber meistens ist das nicht der Fall. Die auf Masse optimierten Prozesse sind über Jahrzehnte auf den Cent gerechnet, da kommt man einfach mit nachhaltigen Materialien bzw. mit Innovationen zunächst nicht heran. Doch auf lange Frist werden sich Nachhaltigkeitsthemen durchsetzen. Man sieht das ja aktuell an der Kunststoffdebatte. Wir wissen alle, dass Kunststoffe sehr viele Vorteile haben, leicht zu produzieren sind, wasserdicht, leichtgewichtig, usw… Die Betrachtungen enden dann aber meistens beim Verkauf eines Produkts. Für die Entsorgung hat sich die Industrie lange nicht kümmern müssen, und für die Rückführung von Ressourcen noch viel weniger. Das ändert sich gerade. Denn mit jeder Meldung über verendete Wale, die angeschwemmt wurden, weil sie kiloweise Kunststoff im Magen hatten, merken wir, dass es eben nicht ausreicht, gut funktionierende Materialien zu entwickeln und sich keine Gedanken darüber zu machen, was am Ende damit wird. Mit den Kunststoffen haben wir uns ein Monstrum geschaffen, das wir so schnell nicht wieder loswerden. Denn die Natur ist bei den meisten der künstlich geschaffenen Moleküle nicht in der Lage diese zu erkennen, geschweige denn sie auf natürlichem Wege abzubauen. Deshalb sammeln wir Abfälle ja auch ein. Beim Kunststoff hingegen scheitert es dann aber an der Ineffizienz unserer Recycling-Prozessen, die nicht funktionieren und vieles am Ende auf der Deponie oder in der Müllverbrennung landet. Über die Unmengen an Kunststoffen, die im Meer enden, will ich gar nicht erst sprechen. Ein Desaster!

 

Pascal Johanssen: Kann dann überhaupt ein Kunststoffprodukt rehabilitiert werden, wenn es lange genutzt wird?

 

Sascha Peters: Wenn ich es schaffe, die Prozesse so zu gestalten, dass ein Kunststoffprodukt erstmal lange Zeit verwendet wird – was ja sein kann, zum Beispiel bei Behältnissen für den Haushalt – ist das schon einmal ein guter Anfang. Wenn es später weggeschmissen wird und so in den Kreislauf kommt, dass das Material wiederverwendet werden kann, ist das ein weiterer guter Schritt. Das ist ja beim Kunststoff der Fall und gar nicht so verkehrt. Lassen wir doch einfach die Materialien in Kreisläufen zirkulieren, das wäre das ideal. Bislang klappt das aber nur in Ansätzen. Ende der 2000er gab es eine Welle zu den Biokunststoffen, das war spannend. Aber wo nimmt man die Flächen her, um die Ressourcen nachwachsen zu lassen. Die Wissenschaft diskutiert noch darüber, ob dies überhaupt möglich sein kann. Wahrscheinlich müssen wir uns auf Ressourcen fokussieren, die in anderen Bereichen als Abfall vorliegen und transformieren sie von einer Industrie in eine andere. Das könnte funktionieren. Aber das muss man schon genau hingucken, damit wir auch das richtige machen und am Ende nicht mehr Emissionen produzieren, obwohl der Ansatz erst einmal nachhaltiger klingt.

 

Pascal Johanssen: Was sind denn aus Deiner Sicht die größten Trugschlüsse? Annahmen, bei denen die Öffentlichkeit fälschlicherweise glaubt, auf etwas Gutes zu setzen, was in Wirklichkeit kaum Effekte erzielt?

 

Sascha Peters: Es ist ein Trugschluss zu glauben, dass es überhaupt nachhaltige Materialien gibt.

 

Pascal Johanssen: Wenn, dann ist der gesamte Kreislauf nachhaltig?

 

Sascha Peters: Genau. Man muss immer das Produkt von Anfang bis Ende im Kreislauf denken, von der Produktion bis zur Entsorgung. Wenn das Material kein Leben nach dem Produktleben hat, dann ist es auch nicht nachhaltig. Ein Material an sich ist nie nachhaltiger als ein anderes, nur, wenn es wieder zurückkommt. Der zweite große Trugschluss ist: wenn ich einen Vorgang im Lebenszyklus eines Produkts habe, bei dem Energie eine Rolle spielt, brauche ich bei unserer heutigen Energieversorgung gar nicht mit dem Material zu kommen. Nicht solange unser Energiesystem nicht auf regenerativen Quellen basiert. Wenn ich zum Beispiel eine "nachhaltige" Kaffeemaschine bauen will, bei der ich den Kunststoff durch etwas Anderes ersetze, dann komme ich bei der Lebenszyklusanalyse darauf, dass das größte Emissionsproblem das Erhitzen des Wassers ist und nicht das verwendete Material. Alles andere ist meist irrelevant, obwohl es selbstverständlich löblich ist, Kunststoffabfälle zu vermeiden.

 

(...)

 

Das gesamte Gespräch ist abgedruckt in "Handmade in Germany": Einen Blick ins Buch erhält man unter: www.arnoldsche.com/produkt/handmade-in-germany

 

 

 

Bild: Shards – Fliesen aus Bauschutt (Quelle: Lea Schücking)
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